April 1 2013

Hallo Welt!

Bis zum 14.09.2012 war die Welt noch etwas größer für mich. Ich bin in fast jeder freien Minute mit dem Motorrad die Straßen, Wege und Fuhrten entlang zur nächsten Kurve gefahren, habe den Wind am Helm gespürt, den Duft der Straße geatmet und die Ruhe der blubbernden Zylinder gelauscht.

Und dann kam …. VW Caddy Maxi Frontale! Meierberger Straße, Extertal

Eine Notbremsung endete in der Front des Taxi’s, das aus dem „Da war gerade noch Nix“ auftauchte und die ohnehin schmale Straße für meine Honda Africa Twin unpassierbar machte.
Der Aufprall war ebenso kurz wie unvermeidbar. Danach war es ruhig, keine Schmerzen, aber der Gedanke an Zuhause und wie ich das wohl jetzt erklären soll. Mir war sofort klar das ich schwer verletzt war, konnte ich doch kaum etwas spüren und das ist bei so einem Aufprall schon sehr merkwürdig. Sofort waren da Stimmen uns jemand sagte „Nicht anfassen“ und „lassen sie ihn so liegen“. Dann sprach die Stimme mit mir und fragte mich, ob alles soweit o.k. sei und „Sie hätten schon Hilfe gerufen“. Es war eine junge Frau, die mich beruhigte und ich bat sie mit meinem Handy meinen Kumpel Reinhold anzurufen, damit er dann meine Partnerin anrufen solle. Auf keinen Fall! den Kontakt „1Home“ anwählen und sagen ich hätte einen Unfall gehabt. Meine Barbara mag solche Überaschungen nicht und wäre auch nur viel zu besorgt. Naja, Reinhold war auch nicht zu erreichen, dafür aber der Notarzt. Das ging fix oder mir kam es so vor. Und dann war da auch schon das „Flap Flap“ des Hubschraubers.

„Hallo“ …. „Wir müssen jetzt ihre Kleidung aufschneiden“! „Wage es nicht meine Rukka Jacke … “ dachte ich noch, aber dann surrte auch schon die Elektroschere durch meine Jacke samt Protektoren. „Wir legen Sie jetzt erstmal schlafen und sehen uns später wieder“ sprach er und so ging’s Licht aus.

Mist! Da fliegt man nach diesem Schreck schon mal Heli und ist nicht dabei!

Wie ging’s weiter?

 

Mit der Africa Twin in Frankreich

 

Ein Tourer für alle Fälle

 

oh shit!

mist
September 15 2012

Wie es weiter ging

Wie es weiter ging habe ich mir hinterher erzählen lassen, da man mir ja vorrübergehend das Licht ausgemacht hat. Der Flug mit dem Heli von der Unfallstelle ging zum Krankenhaus nach Bielefeld. Nach dem ersten Check stand schon fest, „das ist nicht unsere Baustelle“ also von der Intensiv in Bielefeld weiter mit einem Heli in die Intensivstation der Bergmannsheil Klinikum in Bochum.

In dieser BG-Klinik mit einer Abteilung für Rückenmarkverletzungen wurde ich mehrfach operiert und das mögliche getan damit ich meine Verletzungen überlebe. Meine Wirbelsäule war an die fünften und sechsten Brustwirbel gebrochen, wobei der sechste Brustwirbel komplett zerstört wurde. Daher haben sie mir 2 Titanstangen mit 12 Schrauben vom dritten bis zum neunten Brustwirbel zur Versteifung eingesetzt. Es waren auch fast alle Rippen gebrochen und haben die Lunge so stark geschädigt, dass ich über eine Trachealkanüle beatmet wurde und dadurch die ersten Wochen nicht sprechen konnte. Da das Rückenmark in Höhe des sechsten Wirbels gekappt war, bin ich seither abwärts der Brust gelähmt. Jeder kann sich vorstellen, dass dies nicht das war, was man hören möchte, wenn man nach Wochen wieder die Augen soweit auf macht und so klar im Kopf ist, um das zu realisieren was einem gesagt wird. Ich kann nur sagen „Die Aufwachphase nach einem Propofol Koma ist das abgefahrenste Erlebnis was man haben kann!!! Träume, Wahnvorstellungen, Angstschübe und wer weiß was noch ziehen sich über gefühlte Tage hin“ Ich vermute mal LSD kann auch nicht schlimmer sein…

Nachdem ich wieder Herr meiner Sinne war kamen schon reihenweise Besuche und Genesungswünsche. Ich verbrachte noch einige Zeit auf Intensiv und wurde dann auf normale Station verlegt. Aber nur kurz, da eine auftretende Lungenembolie mich wieder auf Intensiv zurück brachte. Als das wieder im Griff war ging es zurück auf Station. Dort noch etwas Ruhe genießen und Ruck-Zuck kam eine Rolli zum Trainieren und um die Zahlreichen Therapien zu besuchen. Die Therapeuten, Schwestern, Pfleger und Trainer waren allesamt erste Klasse und mit der Gesundheit ging es schnell bergauf. Die vorhergesagte Abhängigkeit von künstlicher Beatmung blieb zum Glück aus und so war ich relativ unabhängig und selbstbestimmt unterwegs. Ein herzlichen Dank nochmal an die Ärzte und Pfleger.

Meine derzeitige Verlobte und heutige Frau Barbara zog für die ersten Monate nach Bochum und kümmerte sich gleichzeitig um eine neue Wohnung, weil schnell klar war, dass die derzeitige Wohnung mit Rollstuhl nicht zu bewältigen war. Unsere neue Wohnung war direkt in der Fußgängerzone der Innenstadt und verfügte über Platz für Rolli und Fahrstuhl. Ab Januar wurde diese noch teilweise angepasst.

Für mich ging es Anfang Dezember erstmal von Bochum zur Reha zum Klinikum Godeshöhe in Bad Godesberg. Schön am Rhein mit Steigungen ohne Ende, ganz klasse für Leute im Rollstuhl 😉 Jeden Tag Therapien und Training. Achja, und das beste Klinikessen aller Zeiten !! Da macht denen keiner was vor und wer da nicht fündig satt wird, dem ist nicht zu helfen. Auch hier waren alle sehr bemüht und super freundlich. Dort blieb ich noch weitere Monate und kam Anfang März 2013 das erste mal wieder „nach Hause“! 6 Monate nach dem Unfall. Gelähmt aber lebend. Ich möchte nicht mit mir tauschen und die Zeit war immer hart. Es fehlt so unendlich viel gegenüber dem „davor“ und auch wenn vieles noch geht ist nichts wie vorher. Aber ich will nicht rumheulen und Trübsal blasen. Ich habe 50 Jahre lang gut gelebt, habe getan was  ich mochte, gefeiert, gelebt und habe tausende Kurven auf 2 oder mehr Rädern gefahren. Die Jahre danach schaffe ich auch so, meine Frau und gute Freunde an meiner Seite, meine Weigerung „klein bei“ zu geben und Zuversicht in die Zukunft helfen mir dabei. Ich habe Menschen gesehen, die mit nicht mal 20 Jahren nach Verletzungen in den Rollstuhl kamen, ohne jemals auch nur einen Teil meiner Erfahrungen und Erlebnisse zu machen. Kinder mit Einschränkungen verschiedenster Art die ihr Leben noch vor sich haben und nie erleben werden was für „uns“ selbstverständlich scheint. Da kann ich mich über 50 tolle Jahre als Zweibeiner und das Maximum als Rollifahrer für die Zukunft freuen. Ich war leider nicht so klug mich gegen solche Schäden zu versichern und konnte auch meinem Unfallgegner keine Fahrlässigkeit nachweisen und bin daher einfacher Kassenpatient ohne einen Haufen von eine Versicherung, aber da Geld nicht alles ist und man sich Gesundheit nicht kaufen kann, mache ich eben das Beste draus und hoffe inständig das jedem der dies liest eine ähnliches Schicksal erspart bleib.

 

Bergmannsheil Bochum

 

 

Rehaklinik Godeshöhe